In der Schule sicher ankommen – durch Sport und Spiel

… 3, 2, 1 – Waaaaaasssseerrr! Kinder und Coaches rennen schreiend auf eine der Holzbänke, um sich vor den imaginären Wassermassen in Sicherheit zu bringen. Es ist laut in der Turnhalle der Löwenzahn-Grundschule in Berlin-Neukölln. Knapp 40 Schülerinnen und Schüler im Alter von sechs bis zehn Jahren flitzen durch die Halle. Erstmal Energie ablassen nach einem langen Tag im Klassenzimmer. Rennen, toben, spielen – der ganz normale Wahnsinn in der wöchentlichen Trainingseinheit von„Berlin Kickt“, einem „made to Play“ Programm von Nike, sowie den Partnern buntkicktgut und International Rescue Committee.

Über Berlin Kickt

Das Projekt „Berlin Kickt“ verbindet die universelle Spra­che des Fußballs mit sozialer und emotionaler Kompe­tenz. Unterstützt von Nike führt buntkicktgut, eine NGO für interkulturellen Straßenfußball, das Projekt mit IRC Deutschland durch. Anhand des Healing-Classrooms-Ansatzes wer­den qualifizierte School Football Worker fortgebil­det, die wöchentlich mit den (geflüchteten) Kindern vor Ort trainieren. In Workshop-Einheiten lernen School Football Worker und Lehrkräfte, Klassenzimmer und Sporthallen als sichere und integrative Lernorte zu nutzen. Berlin Kickt ist seit dem Schuljahr 2016/2017 an fünf Berliner Grundschulen aktiv sein und will vor allem auch Mädchen ansprechen.

Und heute ist zudem ein ganz besonderer Tag. Im Rahmen der Europäischen Sportwoche und der Kampagne #MadetoPlay bringt Nike zwei deutsche Athleten in das wöchentliche Training von Berlin Kickt: Jacqueline Otchere (22), die Deutsche Meisterin im Stabhochspringen, und Maximilian Mittelstädt (21), Abwehrspieler beim Erstligisten Hertha BSC, trainieren mit den Kids. Von Scheu nichts zu spüren. Als Julia von buntkicktgut, einer NGO für Straßenfußball, alle Kinder im Kreis zusammenruft und die beiden Sportler vorstellt, ruft die Menge lauthals „Hallo Jacqueline, Hallo Maxi!“ zurück.  

Auch in der Fragerunde halten sie sich nicht zurück, und manche der Fragen überraschen: Wann stehst du morgens auf? Gehst du ins Fitnessstudio? Wie viele Stunden am Tag machst du Sport? Wolltest du schon immer Fußballer werden? Dabei sitzen die Kinder auf dem Schoß es Bundeserstligisten, streichen der Stabhochspringerin über die Haare und teilen ihre persönlichen Erfahrungen. Wie schwer es ist, eine Rückwärtsrolle zu machen, wird live auf dem Hallenboden vorgeführt und Jacqueline macht gleich mit. Um solche Begegnungen geht es heute: Profi-Sportler leben Kindern live im Training vor, wie viel Spaß Bewegung machen kann und dass in jedem ein Athlet bzw. eine Athletin steckt.

 Personal Trainerin Lydia Eschenbach moderiert die Fragerunde zwischen Schülerinnen und Schülern sowie den beiden Spitzensportlern: Stabhochspringerin und Deutsche Meisterin Jacqueline Otchere und Abwehrspieler Maximilian Mittelstädt von Hertha BSC.

Personal Trainerin Lydia Eschenbach moderiert die Fragerunde zwischen Schülerinnen und Schülern sowie den beiden Spitzensportlern: Stabhochspringerin und Deutsche Meisterin Jacqueline Otchere und Abwehrspieler Maximilian Mittelstädt von Hertha BSC.

Eine ganz alltägliche Szene in einer Schulsporthalle. Oder vielleicht auch nicht. Die Löwenzahn-Grundschule versteht sich als multikulturelle, integrative Schule. Sie pflegt den Dialog zwischen verschiedenen Kulturen – gelegen im Herzen Berlin-Neuköllns, einem Stadtteil, der mit 44,3% Anteil an Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit sowie mit Migrationshintergrund (davon fast die Hälfte aus islamischen Staaten) landesweit bekannt ist. Gerade in den letzten Jahren stieg auch hier die Anzahl an Kindern, die vor Krieg und Konflikt mit ihren Familien nach Deutschland geflohen sind. Umso wichtiger ist es für Kinder, ein sicheres und beständiges Umfeld schaffen, wo sie spielen und lernen können, und in dem ihnen fürsorgliche und verlässliche Erwachsene zur Seite stehen. Und genau darauf zielt Berlin Kickt gemeinsam mit der Löwenzahn-Grundschule ab.

Dan Burrows, Senior Director for Global Community Impact bei Nike EMEA erklärt: „Es ist großartig heute in der Löwenzahn-Grundschule zu sein, um im Rahmen des „Berlin Kickt“-Programms die Kraft des Sports zu feiern. Die Forschung belegt, dass sportlich aktive Kinder in und außerhalb der Schule erfolgreicher sind. Doch nie zuvor waren Kinder so wenig aktiv wie heute. Wir sind glauben fest daran, dass Kinder ‚zum Spielen gemacht sind‘ (#madetoplay) und wir sind stolz, mit IRC Deutschland und buntkicktgut Kinder zu inspirieren, mehr zu spielen und sich durch die universelle Sprache des Fußballs zu integrieren.“

Die Universalität der Sprache des Sports leben vor allem auch die School Football Worker vor. Die sechs Coaches, zwischen 19 und 23 Jahren und fast alle mit Migrationshintergrund, sind echte Vorbilder. Neue Beziehungen aufbauen ist für die Kinder wichtig, bestätigt auch Rektorin Utta Kioschis, gerade weil es vielen der Kinder an Zuwendung mangelt. „Berlin Kickt trifft genau den Nerv unserer Schülerinnen und Schüler, weil sich junge Leute, die selbst einen Migrationshintergrund haben, um sie kümmern.“ 

Darüber hinaus Coaches als Vorbild dabei zu haben, zu denen es Parallelen gibt, hilft enorm: zum Beispiel School Football Worker Mohammed, der vor zwei Jahren aus Syrien nach Deutschland kam und seitdem als Trainer bei buntkicktgut aktiv ist. Oder die Trainerinnen Chaima und Rascha, Berlinerinnen mit algerischen und libanesischen Wurzeln, die für die Mädchen im Training wichtige Bezugspersonen sind.

 Auch Mädchen trainieren bei Berlin Kickt mit – die weiblichen School Football Workerinnen haben gerade für sie eine wichtige Vorbildrolle.

Auch Mädchen trainieren bei Berlin Kickt mit – die weiblichen School Football Workerinnen haben gerade für sie eine wichtige Vorbildrolle.

Ganz ähnlich sieht das Julian Buning, Geschäftsführer von buntkicktgut, die die School Football Worker auswählen und betreuen: „Es ist schön zu sehen, wie unsere jugendlichen Trainerinnen und Trainer Verantwortung und eine Vorbildrolle für Jüngere übernehmen. Wir sind überzeugt, durch diese Arbeit einen wichtigen Beitrag in der Nachbarschaft zu leisten.“

Das Gesamtpaket von Berlin Kickt macht das Programm besonders. Es geht nicht allein um Sport und Bewegung, sondern auch um psychosoziale Unterstützung. Zwischendurch halten Coaches und Kinder inne und machen ein paar Achtsamkeitsübungen, bspw. durch kontrollierte Atmung. Dadurch stärken die Kinder ihre eigene Wahrnehmung, nehmen bewusst den Moment und sich selbst wahr, was sich positiv auf das Wohlbefinden des Kindes und dessen Selbstbewusstsein auswirkt. Diese Übungen, die IRC in Healing-Classrooms-Workshops sowohl den Coaches als auch den Lehrkräften der Schule zur Verfügung stellt, helfen den Kindern, ihre eigene Resilienz auszubauen und sich wohl zu fühlen. Das hilft gerade auch den Schülerinnen und Schülern, die Krieg und Flucht hinter sich haben, den dadurch ausgelösten negativen Stress abzubauen. Im sportlichen Spiel erleben und lernen sie, was Gemeinschaft, Toleranz und Fairness bedeuten.

Stefan Lehmeier, Programmdirektor bei IRC Deutschland, fasst es so zusammen: „Berlin Kickt bringt nicht nur Partner wie buntkicktgut, Nike und International Rescue Committee zusammen, sondern vor allem Kinder, Coaches und Lehrkräfte. Im Unterricht und in der Sporthalle fördern wir das Selbstwertgefühl der Kinder, durch Achtsamkeitsübungen stärken wir ihre eigene Wahrnehmung und durch das regelmäßige Training bauen die Kinder neue Beziehungen auf, untereinander und mit den Trainerinnen und Trainern.“

Über den Healing-Classrooms-Ansatz

Krisen und Konflikte haben tiefgreifende Auswirkungen auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Gleichzeitig sind diese jungen Menschen aber bemerkenswert resilient. Mit der richtigen Unterstützung können die negativen Effekte von Leid und Stress gemindert werden. Der Healing-Classrooms-Ansatz zeigt pädagogischen Fachkräften Wege auf, wie sie diesen Prozess in der Schule fördern können.

Das Konzept der Healing Classrooms basiert auf 30 Jahren Erfahrung von IRC in der Bildung in Krisenregionen und wird seit über einem Jahrzehnt in der Praxis getestet. Anders als viele Bildungsprogramme, fördert Healing Classrooms auch sozial-emotionales Lernen und Achtsamkeit. Forschungen zeigen, dass sozial-emotionale Lernprogramme Alltagskompetenzen und schulische Leistungen der Schülerinnen und Schüler verbessern.

Fotos: Pim Rinkes/Nikes

Text: Cathrine Schweikardt/IRC Deutschland