Start ins Leben – im größten Flüchtlingslager der Welt

Foto: Timothy Nesmith/IRC

Vier Tage ist er alt, der kleine Rohingya-Junge. Noch trägt er keinen Namen, auch eine Geburtsurkunde hat er nicht. In einem größten Flüchtlingslager der Welt beginnt er ein Leben, das kein Leichtes sein wird.

Die Mutter wiegt das Kind in ihren Armen, während sie im IRC-Gesundheitszentrum auf die erste Untersuchung des Neugeborenen wartet. „Es ist das erste Mal, dass ich in einer Gesundheitseinrichtung geboren habe“, sagt Shahera*, die vier weitere Kinder hat.

Jeden Tag werden etwa 60 Babys im Flüchtlingslager Kutupalong in Bangladesch geboren. Dort leben rund 700.000 Rohingya-Muslime, die vor Verfolgung und Gewalt in Myanmar geflohen sind. Schätzungsweise 80 Prozent der Mütter im Lager gebären in ihren provisorischen Häusern und nicht in Gesundheitszentren. Dadurch haben sie keinen Zugang zu Medikamenten und sind möglichen Komplikationen bei der Geburt allein ausgesetzt. Die Häuser der Menschen bestehen aus Bambus und Planen, häufig an steilen Hängen gelegen, die Böden sind schmutzig. Sauberes Wasser ist meist nicht verfügbar. Das Risiko von Infektionen und Krankheiten ist hoch.

„Für Frauen, die nachts gebären, ist die Lage noch gefährlicher“, erklärt Esther Nyambu, IRC-Koordinatorin für reproduktive Gesundheit in Bangladesch. „Die steilen Pfade sind beschwerlich, bei Monsunregen rutschig und noch schwieriger begehbar. Große Teile des Lagers sind ohne Licht. Der Weg zum Gesundheitszentrum im Dunkeln ist daher hochriskant.“

Von IRC unterstützte Freiwillige wie Fatima gehen im Lager von Tür zu Tür. Sie ermutigen werdende Mütter bereits vor der Geburt das Gesundheitszentrum zu besuchen. „Ich ging einen Tag vor der Geburt zu Shaheras Haus“, sagt Fatima. „Ich konnte sie weinen hören und fragte sie, warum sie weinte. Sie sagte mir, sie sei schwanger und habe Schmerzen. Ich beruhigte sie und sagte ihr, dass alles gut wird. Ich erklärte, dass man im Zentrum kostenlos Medikamente bekommt. Dass es eine Krankenschwester und eine Hebamme gibt, die sich um sie kümmern werden.“

 Fatima, rechts, besucht Shahera und ihr Neugeborenes im Frauengesundheitszentrum in Kutupalong. Freiwillige wie Fatima gehen im Lager von Tür zu Tür und ermutigen werdende Mütter, das Zentrum zu besuchen.   Foto: Jess Wanless/IRC

Fatima, rechts, besucht Shahera und ihr Neugeborenes im Frauengesundheitszentrum in Kutupalong. Freiwillige wie Fatima gehen im Lager von Tür zu Tür und ermutigen werdende Mütter, das Zentrum zu besuchen.

Foto: Jess Wanless/IRC

Shahera befolgte Fatimas Rat. Als die Wehen anfingen, schickte sie ihren Mann ins Gesundheitszentrum, um Hilfe zu holen. „Freiwillige kamen zu mir nach Hause und holten mich“, sagt sie. Das Gesundheitsteam gab ihr Schmerzmittel und, wie Hebamme Shahera Begaum sich erinnert, „viel Ermutigung und emotionale Unterstützung, damit sie wusste, dass die Geburt normal sein würde und dass sie sicher war“.

„Nach der Geburt von Saheras Sohn war ich total überwältigt“, sagt Fatima, die selbst eine achtjährige Tochter hat. „Ich habe das Kind selbst gewaschen, und wir haben uns alle so gefreut. Es fühlt sich an, als hätten wir alle an dem Tag Nachwuchs bekommen.“

Shahera und ihr Mann sind dankbar für die Unterstützung, die sie bei der Geburt ihres Kindes erfahren haben. „Innerhalb von zwei Tagen war ich wieder voll bei Kräften. Das wäre zu Hause nicht möglich gewesen“, sagt Shahera. „Ich könnte mir nicht die Medikamente leisten, die ich bräuchte, und es gäbe niemanden, der sich um mich kümmern würde.“

Die schwierige und gefährliche Umgebung im Lager erhöht das Risiko einer Fehlgeburt, erklärt Esther Nyambu. „Es ist üblich, dass Mütter keinen Zugang zu den Vitaminen und Mineralien haben, die in der Schwangerschaft und für ein gesundes Baby notwendig sind. Nach der Geburt ist auch das Risiko eines Infekts höher. Deshalb sind Gesundheitszentren, wie das von IRC, so wichtig – sowohl für Mütter als auch für Babys.“

Heute freuen sich die Mitarbeitenden des Gesundheitszentrums, dass es Mutter und Kind gut geht.  „Jeder werdenden Mutter würde ich dazu raten, ins Gesundheitszentrum zu kommen“, sagt Shahera. „Der Arzt und die Hebammen haben sich so gut um mich gekümmert.“

IRC und der lokale Partner RTMI bieten Hunderten von Frauen in unserem Frauengesundheitszentrum im Flüchtlingslager Kutupalong eine umfassende Betreuung – einschließlich Familienplanung, Geburtshilfe sowie psychosoziale Unterstützung und Beratung.

*Zum Schutz der Identität wird nur der Vorname angegeben.