Die Krise Venezuelas erklärt anhand von zehn Gegenständen

Seit 2014 haben wirtschaftliche Umwälzungen und politische Turbulenzen in Venezuela 1,5 Millionen Menschen zur Flucht gezwungen. Und diese Zahl wird weiter ansteigen. Viele von ihnen fliehen nach Kolumbien – in der Hoffnung, dem Mangel an Lebensmitteln, der Arbeitslosigkeit und der steigenden Inflation zu entkommen.

Ein Team des International Rescue Committee sprach kürzlich mit Venezolanern und Kolumbianern, die in Cúcuta leben. Die kolumbianische Grenzstadt spürt besonders den Zustrom von fast 300.000 Venezolanern, von denen viele auf der Straße leben. Die Befragten erklärten ihre Situation oft anhand alltäglicher Dinge, wie einem Stück Obst, das als einzige Mahlzeit des Tages dient. Der folgenden Bericht gibt anhand von zehn Gegenständen einen Überblick, wie sich die Krise in Venezuela auf das tägliche Leben der Menschen auswirkt.

Eine Brücke

 Foto: Iris V. Ebert/IRC

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Jeden Tag überqueren etwa 35.000 Venezolaner die Simon-Bolivar-Brücke nach Kolumbien: einige zur Arbeit, andere zur Flucht vor Gewalt und Instabilität in ihrem Land.

 

Ein Koffer

 Foto: Iris V. Ebert/IRC

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Von den geschätzten 35.000 Venezuelern, die täglich die Brücke überqueren, kehren etwa 5.000 nicht nach Hause zurück. Sie suchen Schutz in Cúcuta oder reisen weiter nach Kolumbien oder darüber hinaus.

Meine Kinder hungerten“, sagt Carla. „Ich konnte ihnen nichts zu essen zu geben. Deswegen habe ich Venezuela verlassen und bin nach Kolumbien gekommen.

Eine Tüte Mangos

 Iris V. Ebert/IRC

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Sechzehn Prozent der Bevölkerung Venezuelas sind akut unterernährt. Die Wirtschaftskrise des Landes hat es vielen Menschen unmöglich gemacht, genug zu verdienen, um ihre Familien zu ernähren. Eine Frau, die vom IRC-Team interviewt wurde, sagt, außer einer Mango habe sie den ganzen Tag noch nichts gegessen.

„Es war unmöglich, etwas zu essen aufzutreiben“, sagt Tania, Sekretärin und Lehrerin, die jetzt in Cúcuta obdachlos ist. „Nach und nach musste ich meine Sachen verkaufen.“ Nun versucht sie, Geld für Essen zu bekommen, indem sie Flaschen recycelt. Letztlich ist sie dabei auf die Freundlichkeit von Fremden angewiesen.

Eine Karaffe

 Iris V. Ebert/IRC

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Maria überquert die Brücke fast täglich, um Kaffee und Backwaren in Kolumbien zu verkaufen. Zehntausende Venezolaner strömen täglich auf die Märkte in Cúcuta, um Lebensmittel und Medikamente zu kaufen. „Hier ist es schwer [in Kolumbien], aber dort ist es noch schwerer [in Venezuela]“, sagt sie.

Eine Haarlocke

 Iris V. Ebert/IRC

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Einige venezolanische Frauen und Mädchen sehen sich gezwungen, ihre Haare zu verkaufen – der letzte Besitz von Wert, den sie zu Geld machen können. Kolumbianische Perückenmacher und Händler suchen sie an der Grenze auf, weil sie wissen, dass die Geflüchteten verzweifelt sind. Die Ausbeutung venezolanischer Frauen, Mädchen und Jungen – einschließlich sexueller Ausbeutung – ist weit verbreitet.

Eine Windel

 Iris V. Ebert/IRC

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Sofia und Luis sind mit ihren beiden Söhnen und ihrer kleinen Tochter nach Kolumbien gekommen. In Venezuela kosten Windeln für eine Woche umgerechnet den Lohn von drei Monaten. Früher arbeiteten sie im Transportwesen, aber jetzt nehmen sie Gelegenheitsjobs an. Beispielsweise schneiden sie nun Haare, um ihre Familie zu versorgen.

„Wir hoffen, dass uns hier jemand helfen kann, weitere Türen zu öffnen“, sagt Sofia. „Wir wollen, dass unsere Kinder gesund aufwachsen, studieren und ein normales Leben führen können. Das ist alles, worum wir bitten: ein normales Leben für unsere Kinder.“

Ein Ausweis

 Iris V. Ebert/IRC

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Giovanny kam legal nach Kolumbien, um Arbeit zu suchen. Aber er musste seine Frau und seine Kinder hinter sich lassen – eine schwierige Entscheidung, die viele Venezolaner treffen müssen. Viele überqueren die Grenze illegal. Ohne Bleiberecht ist es für sie besonders schwer, wichtige Dienstleistungen wie medizinische Versorgung zu erhalten.

„Was wir in Venezuela erleben, ist real“, sagt Giovanny, der seine Familie so schnell wie möglich nach Kolumbien bringen will. „Wir werden unsere Sachen dort zurücklassen, unser Haus verlassen, unser früheres Leben zurücklassen. Es ist unfassbar schwer.“

Ein Gemälde

 Iris V. Ebert/IRC

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Josué ist ein venezolanischer Künstler, der auf der Straße in Cúcuta lebt. Bisher reichte der Verdienst aus seinen verkauften Bildern, um sich mit Lebensmitteln zu versorgen. Aber vor kurzem wurden seine Malutensilien gestohlen. Damit wurde ihm auch die Lebensgrundlage geraubt.

Eine Handtasche

 Iris V. Ebert/IRC

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Iliana ist zwar obdachlos, aber sie erfreut sich auch an kleinen Dingen:  ihre Handtasche mit Geldbörse, Haarbürste, Talkumpuder, Bodylotion, Fußcreme und Damenhygieneprodukten.„Diese Dinge gibt es in Venezuela nicht“, sagt sie. „Das ist ein Privileg.“

Eine Bibel

 Iris V. Ebert/IRC

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Carlos, Professor und Rechtsanwalt, hatte beide Jobs in Venezuela verloren. Auch er kämpft um’s Überleben in Cúcuta.

„Ich lebe auf der Straße“, sagt er. „Ich kann es nicht ertragen, meine Frau und Kinder hierher zu bringen.“ Sein Besitz umfasst eine schwarze Tasche mit einer Bibel und ein paar anderen religiösen Texten.

Ohne ein Ende der Krise in Sicht, und trotz seines Glaubens, ist es wahrscheinlich, dass es für Carlos und die Menschen in Venezuela noch schlimmer wird.

 

Die Arbeit des IRC

IRC hat in Cúcuta, Kolumbien, ein Soforthilfeprogramm gestartet, das Hunderte von Menschen druch sofortige Bargeldzahlungen unterstützt. Mit dem Kinderschutzprogramm „Families Make the Difference“ reagiert IRC auf das erhöhte Risiko von häuslicher Gewalt, Vernachlässigung, Teenie-Schwangerschaften und sexuellen Missbrauchs unter vertriebenen Venezolanern und Kolumbianern. IRC arbeitet mit Partnern vor Ort zusammen, um den Zugang gefährdeter Gruppen zur Gesundheitsversorgung zu verbessern. Mehr über IRC’s Arbeit in Kolumbien findet sich hier.