Leben im Flüchtlingslager: Die Realität von Moria

Lucy Carrigan, zuständig für die Programmkommunikation in Europa und Nordafrika bei IRC, berichtet aus einem Flüchtlingslager in Moria auf der griechischen Insel Lesbos. Anhand von sieben Gegenständen des Alltags zeigt sie, wie hart das Leben für die Menschen vor Ort ist. Übersetzt aus dem Englischen.

Das Leben im Flüchtlingslager Moria ist hart. Auf der griechischen Insel Lesbos sind derzeit über 8.300 Menschen auf engstem Raum zusammengepfercht. Nach offiziellen Angaben bietet das Lager Platz für 3.100 Personen. Vor kurzem berichtete die BBC, dass Kinder kaum älter als zehn Jahre versuchen, sich in Moria das Leben zu nehmen.

Die Mehrheit der in Moria lebenden Menschen floh vor Krieg und Gewalt in Syrien, im Irak oder in Afghanistan. In Moria stellen sie ihre Asylanträge, in der Hoffnung, weiter nach West- oder Nordeuropa zu reisen. Aber das Asylverfahren ist schmerzlich langsam. Die Menschen haben keine andere Wahl, als für längere Zeit in Moria auszuharren – manche von ihnen länger als ein Jahr.

Die Schlangen für die Essensausgabe sind lang. Die Wasserversorgung ist begrenzt. Die Anzahl der Toiletten und Duschen deckt nicht annähernd den Bedarf. Die medizinischen Dienste sind massiv unterbesetzt. Es gibt so gut wie keine psychologische Unterstützung. Die Lage vor Ort ist äußert angespannt. Fast täglich gibt es Auseinandersetzungen. Familien, die vor Krieg und Gewalt flohen, in der Hoffnung auf Sicherheit in Europa, sitzen in Moria fest – täglichen Unruhen ausgesetzt.

Die folgenden sieben Gegenstände gehören Asylsuchenden, die in Moria leben. Jeder von ihnen erzählt eine Geschichte über die Realität des Lebens vor Ort.

Eine Tasche

bag_with_yellow.jpg

Die Mehrheit der Menschen in Moria ist nach Europa gekommen, in der Hoffnung auf ein sicheres Leben. Sie flohen vor dem Krieg und waren gezwungen, alles hinter sich zu lassen. In den meisten Fällen haben sie auf See das wenige an Besitz verloren, dass sie mit auf die Reise genommen hatten.

Vor sieben Jahren hatten wir alles... jetzt haben wir alles verloren.

Kamar aus Ghouta, Syrien, sagt: „Vor sieben Jahren hatten wir alles. Wir hatten zwei Häuser, ein Auto, Geld auf der Bank. Jetzt müssen wir hier leben und wir haben nicht mal was zum Anziehen. Damals hatten wir keine Hilfe nötig. Heute haben wir alles verloren.“

1,5 Liter Wasser

water.jpg

In Moria erhält jede Familie 1,5 Liter Wasser pro Person und pro Tag. Es wird erwartet, dass Sie mit diesem Wasser auskommen – trinken, kochen, waschen etc. Die Familien müssen um 4.00 Uhr morgens aufstehen, um sich in der Schlange für die Wasserausgabe ab 8.00 Uhr anzustellen – um überhaupt eine Chance auf die 1,5 Liter Wasser zu haben. In Moria ist es sehr heiß. Die 1,5, Liter Wasser sind nicht ausreichend. Täglich gibt es Streitereien unter den Wartenden für die Wasserausgabe.

Ein Karton

cardboard_.jpg

Die Hitze ist fast unerträglich. Aufgrund der Überlastung des Camps leben einige Familien in schlecht belüfteten Zelten. Die Luft steht. Nach Sekunden im Zelt rinnt einem der Schweiß die Stirn herunter.  Aus Mangel an besseren Alternativen improvisieren die Familien. Ein Karton wird so zu einem Ventilator.

Ein Stück Seife

soap.jpg

Die sanitären Anlagen in Moria sind erschreckend. 84 Personen teilen sich eine Dusche. Auf eine Toilette kommen 72 Menschen. Wasser ist nicht rund um die Uhr verfügbar. Die hygienischen Bedingungen sind katastrophal. Es gibt keine Privatsphäre. Die Duschen haben Fenster, so dass jeder hineinschauen kann. Frauen haben Angst, die Toiletten und Duschen alleine zu benutzen.

Ich kann dieses Leben nicht mehr ertragen.

Saya, eine Syrerin aus Idlib, sagt: „Ich kann dieses Leben nicht mehr ertragen. Es ist wirklich schwierig. Selbst wenn ich auf die Toilette will, muss ich meinen Mann mitnehmen.“

Kinderzahnbürste

toothbrush.jpg

Eine solche Zahnbürste erhalten die Tausenden von Kindern, die in Moria leben. Die Streitereien, die Unruhen, die Anspannung und der Stress – all das müssen die Kinder miterleben. Sie sehen, wie ihre Eltern zusammenbrechen, weil auch sie irgendwann ihre Grenzen erreicht haben. Sie stehen morgens um 4.00 Uhr auf, um sich ihren Vätern anzuschließen und Wasser zu holen. Aufgrund der begrenzten Möglichkeiten in Moria, fürchten ihre Eltern um ihre Zukunft. Syrische Kinder im Alter von zehn Jahren haben wahrscheinlich noch nie ein Klassenzimmer von innen gesehen.

Ich habe Angst um meine Töchter, weil sie nie in der Schule waren.

Majd, ein syrischer Vater aus Ghouta sagt: „Ich habe Angst um meine Töchter, weil sie noch nie in der Schule waren. Wenn sie nicht zur Schule gehen, welche Zukunft werden sie dann haben?“

Und die Eltern sorgen sich um die Sicherheit ihrer Kinder. Eine syrische Mutter, die allein reist und hofft, ihren Mann in Deutschland zu erreichen, lebt in ständiger Sorge um ihre Töchter: „Jeder sagt mir, ich soll auf meine Töchter aufpassen. Lass sie nicht alleine rausgehen.“

Ein Huhn

food.jpg

Niemand steht gerne in der Schlange zur Essensausgabe, und keinem schmeckt das Essen. Eine Syrerin sagt, dass sie am Tag zuvor einen Wurm in ihrem Essen gefunden hat. In einem der Essenszelte sind man Mäuse zwischen den Lebensmittelbehältern. Und trotzdem stehen die Asylbewerberinnen und Asylbewerber morgens um 4.00 Uhr zum Frühstück auf, das zwischen 8.00 und 8.30 Uhr verteilt wird. Es ist wie mit dem Wasser: wann man den Zeitpunkt zum Anstehen in der Schlange verpasst, verpasst man das Essen für den ganzen Tag.

Eine syrische Mutter aus Deir Ezzour, die im siebten Monat schwanger ist, stand drei Tage hintereinander in der Schlange, weil ihr Mann krank war. „Alle haben geschubst und gedrängelt. Ich habe sie gebeten, Rücksicht zu nehmen, weil ich schwanger bin. Aber sie haben mir nicht geglaubt.“ Eines Morgens wurde sie verletzt. Seitdem will ihr Mann nicht mehr, dass sie sich für Wasser oder das Frühstück anstellt.

Familienfotos

photographs.jpg

Majd, der Syrer aus Ghouta und Vater von vier Kindern, ist verzweifelt, wenn er von seiner Frau Hayat spricht. Sie verblasst, sagt er. Aus ihrer einzigen Tasche zieht er Fotos von ihr aus einer viel glücklicheren Zeit: ihrem Hochzeitstag. Und es ist wahr. Sie hat viel Gewicht verloren. Sie zieht die Seite ihres Hemdes hoch, um eine große Narbe von einer Verbrennung zu zeigen. Als eine Bombe explodierte, rannte sie zwar in Deckung, aber es war dunkel und sie stieß einen kochenden Kessel um. Vor Schmerzen kann sie seitdem kaum mehr schlafen.

Aber am meisten quält sie das Schicksal ihrer jüngsten Tochter. Hayat ist jetzt zwei Jahre alt. Nach einem Anschlag mit chemischen Waffen auf Ghouta musste Hayat sechs Monate im Krankenhaus verbringen. Drei Monate davon konnte die Mutter ihre Tochter nicht berühren und nur durch einen Bildschirm sehen.

Ich will diese Erinnerungen aus den Köpfen meiner Töchter löschen.

Als sie ihre Hände durch die langen, dunklen Haare eines ihrer Mädchen streicht, sagt sie: „Ich will diese Erinnerungen aus den Köpfen meiner Töchter löschen. Ich will nicht, dass sie sich daran erinnern.“

Erfahren Sie mehr über IRC`s Arbeit in Griechenland und die Unterstützung der Menschen in Moria.

*Alle Namen im Bericht wurden geändert, um die Identität der Personen zu schützen.