Das Potenzial geflüchteter Frauen nutzen: Wirtschaftliche Ungerechtigkeiten im Sinne aller beenden

Von Raiyan Kabir und Jeni Klugmann – Georgetown Institute for Women, Peace and Security und International Rescue Committee Rescue Works Initiative

Kurzfassung der Studie

Weltweit sind mehr als 70 Millionen Menschen vertrieben – so viele wie nie zuvor. All diese Menschen müssen unter neuen und ungewohnten Umständen für ihre Lebensgrundlagen sorgen. Deshalb ist es wichtig, ihre wirtschaftliche Situation einer genauen Untersuchung zu unterziehen. Geflüchtete erleben nach Zwangsvertreibungen eine Vielzahl an Herausforderungen. Doch geflüchtete Frauen stehen aufgrund ihres Geschlechts und ihres sozialen Status vor zusätzlichen Hindernissen. Diesen Frauen den Zugang zu einer Erwerbstätigkeit zu ermöglichen, hilft nicht nur den Frauen, sondern bringt auch der Wirtschaft der Aufnahmeländer erhebliche Vorteile.


Der Bericht „Das Potenzial geflüchteter Frauen nutzen: Wirtschaftliche Ungerechtigkeiten im Sinne aller beenden“ untersucht die möglichen wirtschaftlichen Gewinne durch die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt, mit speziellem Blick auf geflüchtete Frauen. Die Untersuchung fokussiert sich auf insgesamt sechs Länder, in denen rund 40 Prozent der weltweit Geflüchteten leben (acht Millionen). Darunter sind fünf Länder mit großer Flüchtlingsbevölkerung, über die aktuelle, nach Geschlecht aufgeschlüsselte Daten über Beschäftigung und Einkommen von Geflüchteten vorliegen: Türkei, Uganda, Libanon, Jordanien und Deutschland. Zusätzlich wird die Situation in den Vereinigten Staaten von Amerika analysiert, wo es nur eine verhältnismäßig geringe Flüchtlingsbevölkerung gibt. Die Untersuchung konzentriert sich auf diese sechs Länder, und extrapoliert die Ergebnisse auf die 30 wichtigsten Aufnahmeländer weltweit, die zusammen etwa 18 Millionen Geflüchtete aufgenommen haben.

Nicht immer dürfen geflüchtete Frauen legal arbeiten. Doch auch dort, wo sie es dürfen, erleben sie häufig Diskriminierung sowie rechtliche und administrative Barrieren. Der Bericht folgt daher folgender Forschungsfrage: Welche Folgen hätte eine Angleichung des Einkommens von geflüchteten Frauen (und Männern) an das Einkommen einheimischer Frauen und Männer?

Der Bericht kommt, trotz einer eingeschränkten Datenlage[1], zu folgenden Erkenntnissen und möglichen Antworten:

  • In allen Ländern der Stichprobe sind geflüchtete Frauen weniger wahrscheinlich erwerbstätig als einheimische Frauen und Männer des Aufnahmelandes. Diejenigen, die arbeiten, verdienen niedrigere Stundenlöhne.

    • Im Libanon, in Deutschland und in der Türkei sind sechs bis acht Prozent der geflüchteten Frauen beschäftigt, verglichen mit 27 bis 50 Prozent der Männer im Gastland.

    • Geflüchtete Frauen in Jordanien verdienen im Durchschnitt etwas mehr als einen US-Dollar pro Stunde, verglichen mit über vier US-Dollar pro Stunde für einheimische Frauen und Männer. Dieser Unterschied existiert auch in vielen anderen Ländern und lässt sich darauf zurückführen, dass geflüchtete Frauen meist in ungelernten und informellen Bereichen arbeiten.

  • Die Beseitigung von Lohndifferenzen sowie von Diskriminierungen und regulatorischen Hindernissen für geflüchtete Frauen bedeuten für die Aufnahmeländer erhebliche Vorteile:

    • Der Beitrag der geflüchteten Frauen zur Wirtschaft des Aufnahmelandes würde sich vervielfachen. Im Falle der Türkei möglichweise um das Achtzigfache, was einem Anstieg von 140 Millionen US-Dollar auf 11,56 Milliarden US-Dollar entspricht. Dies hätte erhebliche Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaftsleistung bzw. das Bruttoinlandsprodukt (BIP).

    • Für Länder wie die USA mit einer hohen Wirtschaftsleistung und einer verhältnismäßig kleineren Anzahl an Geflüchteten wären die relativen Zuwächse geringer.

  • Die Beseitigung der Beschäftigungs- und Lohngefälle sowohl bei männlichen als auch bei weiblichen Geflüchteten könnte allein in diesen Ländern insgesamt zu einem Wachstum des BIP um 53 Milliarden US-Dollar führen. Das entspricht dem Fünffachen der gemeinsamen Budgets der UN-Flüchtlingsagentur UNHCR und der Internationalen Organisation für Migration.

  • Die Hochrechnung der Ergebnisse auf die 30 wichtigsten Aufnahmeländer, in denen insgesamt 18 Millionen Geflüchtete leben, lässt folgende Einschätzung zu:

    • Die Beseitigung der Beschäftigungs- und Lohngefälle sowohl bei männlichen als auch bei weiblichen Geflüchteten könnte das globale BIP um mindestens 53 Milliarden US-Dollar und bis zu 2,5 Billionen US-Dollar steigern.

    • Allein durch die Angleichung des Lohnniveaus für weibliche Geflüchtete in den 30 Ländern würde das globale BIP um mindestens fünf Milliarden US-Dollar und auf bis zu 1,4 Billionen US-Dollar steigen.

  • Neben dem höheren Einkommen bietet bezahlte Erwerbsarbeit weitere Vorteile für Frauen und ihre Familien, wie beispielsweise einen Zugewinn an Autonomie und Chancen.

    • Mit einem ausgeschöpften Potential von Frauen könnten erhebliche Fortschritte in der Agenda 2030 erzielt werden – etwa in Bezug auf die Verpflichtung der UN-Mitgliedsstaaten, Armut zu bekämpfen (Nachhaltigkeitsziel 1), die Gleichstellung der Geschlechter zu erreichen (Ziel 5) sowie inklusives Wachstum und menschenwürdige Arbeit zu fördern (Ziel 8).

    • Hervorzuheben ist, dass es sich bei der Beseitigung der geschlechts- und fluchtspezifischen Unterschiede nicht um ein Nullsummenspiel handelt: Sowohl die Geflüchteten als auch die Aufnahmeländer profitieren von der gesteigerten Wirtschaftsleistung.

Die Ergebnisse des Berichts sind starke Argumente für eine Reform von Richtlinien und eine neue Politik. Sie sprechen außerdem für die Unterstützung von Programmen, die die wirtschaftliche Selbstbestimmung und den Zugang zu vernünftig bezahlter Erwerbsarbeit von geflüchteten Frauen beschleunigen.

Forderung von GIWPS und IRC

Um diese Idee voranzubringen, fordern das Georgetown Institute for Women, Peace and Security (GIWPS) und International Rescue Committee (IRC) eine globale Kommission für geflüchtete Frauen und Arbeit zu gründen, die die Regierungen der Aufnahmeländer, Geldgeber, internationale Organisationen und den privaten Sektor repräsentiert. Diese Kommission sollte die Empfehlungen des hochrangigen Gremiums des Generalsekretärs der Vereinten Nationen für die wirtschaftliche Stärkung von Frauen vorantreiben. Das Ziel muss sein, Lücken zu schließen sowie die Fortschritte beim Erreichen der Nachhaltigkeitsziele und der Umsetzung des Global Compact on Refugees zu beschleunigen. 

Die gesamte Studie finden Sie hier:




[1] Erhebliche Datenlücken schränkten die Untersuchung ein. Es gibt wenige Daten über die Ergebnisse des Flüchtlingsarbeitsmarktes und noch weniger Fakten über die unterschiedliche Lage von Frauen und Männern. Die Analyse erforscht weder für die Geflüchteten noch für die Aufnahmeländer sich gegenseitig bedingende Hindernisse für die wirtschaftliche Selbstbestimmung von Frauen, wie diskriminierende Gesetze, soziale Normen und geschlechterbasierte Gewalt, die je nach Kontext variieren. Auch wurden die tatsächlichen oder potenziellen Kosten der Vertreibung für die Geflüchteten und die Aufnahmegemeinschaften nicht miteinbezogen. Außerdem sind die realen politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen, mit denen Gemeinschaften und Regierungen vor allem kurzfristig durch die Aufnahme einer großen Zahl an Geflüchteten konfrontiert sind, nicht in die Untersuchung eingeflossen.