Neuer Bericht zeigt Potenzial geflüchteter Frauen: Beitrag von 1,4 Billionen US-Dollar zum globalen BIP möglich

  • Geflüchtete Frauen könnten bis zu 1,4 Billionen Dollar zum jährlichen globalen BIP beitragen, wenn geschlechtsspezifische Beschäftigungs- und Einkommensgefälle beseitigt würden.

  • Der gemeinsame Beitrag von geflüchteten Männern und Frauen würde weltweit bei 2,5 Billionen US-Dollar liegen.

  • In den sechs untersuchten Ländern Türkei, Uganda, Libanon, Jordanien, Deutschland und USA stiege das gemeinsame jährliche BIP um bis zu 53 Milliarden US-Dollar.

  • IRC und GIWPS fordern die Bildung einer globalen Kommission für geflüchtete Frauen und Arbeit, um geschlechtsspezifische Unterschiede hinsichtlich Lohn und angemessener Arbeit zu beseitigen.

Berlin, 2. August 2019: Beim Zugang zu bezahlter, menschenwürdiger Arbeit sehen sich geflüchtete Frauen mit einschränkenden Arbeitsmarktgesetzen, einem höheren Risiko von Gewalt, Diskriminierung sowie rechtlichen und administrativen Barrieren konfrontiert. Laut einer Untersuchung des Georgetown Institute for Women, Peace and Security (GIWPS) in Zusammenarbeit mit International Rescue Committee (IRC) könnten geflüchtete Frauen ein jährliches globales Bruttoinlandsprodukt (BIP) von bis zu 1,4 Billionen US-Dollar erwirtschaften, wenn Beschäftigungs- und Einkommensgefälle beseitigt werden würden.

Der Bericht „Das Potenzial geflüchteter Frauen nutzen: Wirtschaftliche Ungerechtigkeiten im Sinne aller beenden“ untersucht die möglichen wirtschaftlichen Gewinne durch die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt, mit speziellem Blick auf geflüchtete Frauen. Die Untersuchung fokussiert sich auf insgesamt sechs Länder, in denen rund 40 Prozent der weltweit Geflüchteten leben (acht Millionen). Darunter sind fünf Länder mit großer Flüchtlingsbevölkerung, über die aktuelle, nach Geschlecht aufgeschlüsselte Daten über Beschäftigung und Einkommen von Geflüchteten vorliegen: Türkei, Uganda, Libanon, Jordanien und Deutschland. Zusätzlich wird die Situation in den Vereinigten Staaten von Amerika analysiert, wo es nur eine verhältnismäßig geringe Flüchtlingsbevölkerung gibt. Die Untersuchung konzentriert sich auf diese sechs Länder, und rechnet die Ergebnisse auf die 30 wichtigsten Aufnahmeländer weltweit hoch, die zusammen etwa 18 Millionen Geflüchtete aufgenommen haben.

Starke Varianz in Beschäftigungsquoten von Frauen

Die Beschäftigungsquoten von geflüchteten Frauen in den sechs untersuchten Ländern variieren stark. Die höchsten Beschäftigungsquoten geflüchteter Frauen weisen die USA  mit 40 Prozent und Uganda mit 37 Prozent auf. In Deutschland, Jordanien und Libanon haben nur rund sechs Prozent der geflüchteten Frauen einen Job.

Das größte geschlechtsspezifische Lohngefälle weist die Türkei auf: geflüchtete Frauen verdienen rund 94 Prozent weniger als einheimische Männer. Für den gleichen Arbeitsaufwand bekommt ein einheimischer Mann also einen Euro, eine geflüchtete Frau hingegen nur sechs Cent. In Deutschland ist die Differenz geringer, aber immer noch erheblich: Hier beträgt das Gefälle 51 Prozent, also ein Euro im Vergleich zu 49 Cent.

Enorme Beiträge zum Bruttoinlandsprodukt möglich

In den 30 wichtigsten Aufnahmeländern, die gemeinsam 90 Prozent aller Geflüchteten beherbergen, können geflüchtete Frauen bis zu 1,4 Billionen Dollar zum jährlichen globalen Bruttoinlandsprodukt (BIP) beitragen, wenn Beschäftigungsquote und Einkommen auf das jeweilige nationale Niveau der Aufnahmeländer angehoben werden. Allein in den USA liegt das Potential geflüchteter Frauen bei bis zu 4,9 Milliarden US-Dollar zum BIP. Gemeinsam könnten geflüchtete Frauen und Männer durch die Beseitigung geschlechts- und fluchtspezifischer Lohn- und Beschäftigungsgefälle in diesen 30 Ländern bis zu 2,5 Billionen US-Dollar zum globalen BIP beitragen.

Die Beseitigung von Lohnunterschieden und Barrieren für männliche und weibliche Geflüchtete  könnte allein in der Türkei, in Uganda, im Libanon, in Jordanien, in Deutschland und in den USA, die zusammen fast acht Millionen Geflüchtete beherbergen, also 40 Prozent aller Geflüchteten weltweit, insgesamt zu einem Wachstum des gemeinsamen BIP um 53 Milliarden US-Dollar führen. Das entspricht dem fünffachen Wert des gemeinsamen Jahresbudgets der UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR und der Internationalen Organisation für Migration.

Experten fordern, Arbeitsmarktbarrieren für Frauen abzubauen

„Unsere Untersuchung zeigt, wie hoch die wirtschaftlichen Vorteile wären, wenn geflüchtete Frauen Zugang zu lokalen Arbeitsplätzen und fairen Löhnen hätten“, sagt David Miliband, Präsident und CEO von IRC. „Dies gilt sowohl für die Frauen selbst als auch für die Volkswirtschaften, in denen sie leben. Diese Erkenntnis ist essentiell, doch der Weg dorthin ist eine große Herausforderung. Viele Staaten, die Geflüchtete beherbergen, sind fragil und wirtschaftlich instabil. IRC wird deshalb weiterhin Beschäftigungsprogramme von Uganda bis zum Libanon durchführen, die geschlechtsspezifische Barrieren für arbeitssuchende Geflüchtete beseitigen.“

„Um diese Gewinne zu erzielen, müssen öffentliche Verpflichtungen von Geber*innen und politischen Entscheidungsträger*innen eingegangen und dann umgesetzt werden“, erläutert Miliband weiter. „So müssen beispielsweise die Kandidat*innen für die Führung des Internationalen Währungsfonds gefragt werden, ob sie Christine Lagardes Fokus auf die Beseitigung weltweiter geschlechtsspezifischer Lohngefälle fortsetzen werden. Und sie müssen erklären, wie sie das spezifische Problem weiblicher Geflüchteter angehen werden.“

Melanne Verveer, Geschäftsführerin des GIWPS und ehemalige US-Botschafterin, ergänzt: „Dies ist kein Nullsummenspiel. Wenn geflüchtete Frauen erwerbstätig sind, profitieren sie und ihre Familien – ebenso wie ihre Gemeinschaften und Aufnahmeländer. Unsere Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit von regulativen Reformen und einer neuen Politik, um das Potenzial geflüchteter Frauen zu erschließen.“

Globale Kommission für Frauen und Arbeit gründen

Um diese Agenda voranzubringen, fordern IRC und GIWPS die Gründung einer globalen Kommission für geflüchtete Frauen und Arbeit. Diese Kommission soll die besonderen Barrieren für die wirtschaftliche Entwicklung vertriebener Frauen untersuchen und Empfehlungen zur Beseitigung der geschlechtsspezifischen Lohn- und Beschäftigungsgefälle unter den Geflüchteten entwickeln.

Der Bericht „Das Potenzial geflüchteter Frauen nutzen: Wirtschaftliche Ungerechtigkeiten im Sinne aller beenden“ ist Teil der Initiative „RescueWorks“ des International Rescue Committees. RescueWorks bietet eine Plattform für neue Ideen und Veränderungen im humanitären Bereich. Gemeinsam mit Unternehmen, lokalen Regierungen, kommunalen Führungskräften, Akademikern, politischen Entscheidungsträgern und Forschungsinstituten arbeitet IRC zusammen, um die eigenen Programme auf dem neuesten Stand der globalen Arbeitstrends zu halten. Ziel ist es, Flüchtlingen nachhaltige und würdevolle Arbeitsmöglichkeiten zu bieten, egal ob sie ein Unternehmen in einem Flüchtlingslager gründen oder neue Fähigkeiten erlernen, um eine Karriere in einer entwickelten Wirtschaft zu beginnen. Mehr zu RescueWorks unter: rescue.org/rescueworks.

Den vollständigen Bericht finden Sie hier: rescue.org/report/rescueworks-unlocking-refugee-womens-potential

ÜBER GIWPS

Das Georgetown Institute for Women, Peace and Security will eine stabilere, friedlichere und gerechtere Welt fördern, indem es sich auf die wichtige Rolle konzentriert, die Frauen bei der Prävention von Konflikten, der Förderung des Friedens, beim Wirtschaftswachstum und bei der Bekämpfung globaler Bedrohungen wie Klimawandel und gewalttätigem Extremismus spielen.

GIWPS betreibt gründliche Forschung, veranstaltet globale Konferenzen und fördert die nächste Generation von Führungskräften. Das Institut ist Teil der Walsh School of Foreign Service an der Georgetown University und wird von der ehemaligen US-Botschafterin für globale Frauenfragen, Melanne Verveer, geleitet. Weitere Informationen finden Sie unter: giwps.georgetown.edu

Über IRC

International Rescue Committee (IRC) ist eine internationale Hilfsorganisation. IRC steht von Krieg und Krisen betroffenen Menschen zur Seite, um ihr Überleben und den Wiederaufbau ihrer Existenz zu sichern. Seit der Gründung im Jahr 1933 auf Anregung von Albert Einstein leistet die Organisation insbesondere für Menschen lebensrettende Hilfe, die gezwungen sind, vor Krieg, Verfolgung oder Naturkatastrophen zu fliehen.

In Deutschland liegt der Schwerpunkt auf der Bildung von geflüchteten Kindern und Jugendlichen, dem Schutz vor Gewalt gegenüber schutzbedürftigen Geflüchteten und deren Teilhabe, sowie der wirtschaftlichen Integration durch Beschäftigung und finanzielle Unabhängigkeit.

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